Jeder Umzug bietet die Gelegenheit, sich des Ballasts aus der Vergangenheit zu entledigen. Jetzt steht wieder ein Umzug bevor und ich stehe in der Wohnung und finde keinen Ballast mehr. Das hat zum einen etwas beruhigendes, zum anderen aber auch etwas frustrierendes, weil ein Umzug auch immer mit einem Neuanfang verbunden ist und der kann nur funktionieren, wenn man Altes hinter sich läßt. Das ging diesmal aber eindeutig zu einfach und zu schnell - mein Klavier ist am 24.12. völlig unspektakulär abgeholt worden und wird jetzt endlich wieder gespielt - von einer kleinen aufstrebenden (;-) Klavierspielerin in Kreuzberg.
Desweiteren bin ich im Moment damit beschäftigt, von Berlin Abschied zu nehmen. Was wird mir fehlen? Sicher das Gefühl, in einem Ameisenhaufen zu leben. Überall wuseln Menschen herum, über und unter der Erde, jeder verfolgt (mehr oder weniger zielstrebig) seinen Weg, aber eigentlich geht's einfach nur ums tägliche (Über)Leben. In Berlin habe ich immer das Gefühl, ganz dicht dran zu sein (woran auch immer), Berlin kann man sich nicht entziehen, es lungert in jeder schmuddeligen Ecke herum (und davon gibt es viele).
Ich bin immer schockiert, wie weit ich mich inzwischen vom touristischen Hochglanzberlin entfernt habe. Gestern habe ich mich mit Besuch "aus dem Westen" im Cafe Einstein getroffen (da bin ich tatsächlich vorher noch nie gewesen) und es kam natürlich die obligatorische Frage, was man sich denn unbedingt in Berlin ansehen sollte. Mein Ratschlag, sich in den Bus zu setzen und durch die Stadt treiben zu lassen, wurde zwar gern aufgenommen, aber gleich mit dem Hinweis versehen, dass in Berlin im Vergleich zu Wien oder Paris ja leider nur noch wenige historische Gebäude erhalten seien. Historisch? Fährt man deswegen nach Berlin? Um sich alte Häuser anzusehen? Was ist denn alt genug, um sehens- oder beachtenswert zu sein? Ich finde z.B. die Entwicklung der Wohnarchitektur der letzten 100 Jahre in Berlin äußerst sehenswert - die Mietskasernen der Gründerzeit, die durchgeplanten Wohnanlagen der 20er, die notdürftigen Nachkriegsbauten, die Hochhäuser am Alexanderplatz...
Warum ich das jetzt alles schreibe? Weil ich gerade einen schönen Artikel in der neuen ZEIT gefunden habe, der genau zum Thema passt: "Schafft die Museen ab!" von Philipp Blom (wahrscheinlich noch zu frisch, um schon online zu sein).
Daraus ein paar Textpassagen:
Wir sind die erste Kultur der Weltgeschichte, die Altes verehrt, nur weil es alt ist, und unsere Museen sind Hochburgen der Konservierung unserer untoten Vergangenheit. Das war nicht immer so.
Im Schatten der Klimaveränderung, die durch unser Luxusleben angeheizt wird, sehen wir in jedem alten Suppenlöffel den Inbegriff einer intakten Welt.
In Berlin soll sogar ein barockes Stadtschloss wieder aufgebaut werden, von dem kein Stein mehr auf dem anderen steht und das nie einen besonderen ästhetischen oder historischen Wert hatte. Anstatt einen symbolträchtigen Baugrund als Chance für eine selbst gestaltete Zukunft zu nutzen, bauen wir uns unseren eigenen Hohenzollern-Themenpark.
Wir brauchen den Ballast der Vergangenheit. Ballast hat die Funktion, dem Vorwärtsgehenden Gewicht und Richtung zu geben. Wer weiterkommen will, braucht Ballast, er muss aber auch bereit sein, einen Teil davon über Bord zu werfen.
Comments
Fri, 09.12.2011 23:18
Ich hatte die Zeit immer gern gelesen, aber das Guttenberg-I nterview war ja widerlich. Immerhin habe ich darue [...]
Tue, 27.09.2011 11:09
Sehr gute Foto-Duku vom Saar-H unsrück-Steig!
Tue, 23.08.2011 16:53
Wie war die Taufe der Lok?
Mon, 22.08.2011 17:02
Ein Sonntagmorgen im Garten de s Liebieghauses, zwischen Skul pturen, unter Bäumen – ein sch öner Ort für ein intensi [...]
Sun, 14.08.2011 23:58
ICH FREU MICH Die Literat urnacht ist immer sehr sehr gu t. Schön das wir so etwas in Mainz haben
Thu, 04.08.2011 00:09
I love the pictures
Mon, 27.06.2011 19:59
"verzückten Graumelierten..." Kettle.Black.Pot Rearran ge as appropriate....
Sun, 29.05.2011 21:09
Das ist der Stuhl, auf dem he ute Nachmittag Peter Kurzeck g esessen, gelesen, erzählt und etwas später sein Publik [...]
Sun, 22.05.2011 15:46
Die hölzernen Skulpturen von Meisterschülern der Klasse Bal kenhol – hier Stephans Seitz m it »Antonie und Theresa« [...]
Fri, 22.04.2011 11:33
MEP? Jetzt schon?
Tue, 29.03.2011 20:47
2 x Lübeck. Wie passend....!
Fri, 04.03.2011 19:03
Wohl ein PR-Problem. "If th ey didn't hear it, you didn't say it" Ernst gemeint - mir geht's genau so
Fri, 18.02.2011 19:04
Um die akademischen Leistungen des Bundesfreiherrn angemesse n zu würdigen, seien hiermit z wei neue Doktorgrade vor [...]
Wed, 16.02.2011 20:42
Hmhm... wird der Studiengang d ann in Systembioinformatik um benannt?
Sun, 13.02.2011 17:45
Ministerpräsidentin Krause. Yo !